In 80 Sekunden um die Welt (6): Transsibirien
Ein wiederkehrendes Phänomen für den oder die Reisende ist der Rat der Weisen, der Weitgereisten. Oft handelt es sich hierbei um Unrat. Und solcher Natur ist der Rat oder die wahrheitbeanspruchende Aussage: "Eine Reise in der transsibirischen Eisenbahn muss man einmal im Leben gemacht haben."Lö Trösenbeck ist der Meinung, eine Reise im Zug von Harleem nach Zandvoort oder von Meiringen nach Brienz oder von New York City nach Baltimore ist genau so wertvoll, aber auch genau so unnötig für ein erfülltes Leben wie die Reise in der transsibirischen Eisenbahn. Nichtsdestotrotz Lö Trösenbeck hat die sinnlose Reise in der sibirischen Eisenbahn angetreten.
In Reiseführern wird die Fröhlichkeit und Geselligkeit der russischen und nicht-russischen Mitreisenden oft angepriesen. Bald stellt Lö Trösenbeck fest, diese Reiseführer wurden von ehemaligen Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik geschrieben, welche in ihrer Jugend zum Erlernen der russischen Sprache gezwungen wurden. Nicht ungezwungen ist der Umgang des grossen Teils der russichen Zugbelegschaft mit einem Mann wie Trösenbeck, dessen russischer Wortschatz auf den Ausdruck "спасибо" beschränkt ist. Die Geselligkeit prallt an der Sprachgrenze ab. Lö Trösenbeck verflucht Sibirien und die Eisenbahn.
Doch kurz vor der Ankunft in Asien, lernt der Reisende auf dem Bahnsteig beim gemeinsamen Bierkaufen einen lachenden Russen kennen. Gemeinsam wird nun auch gezecht und mit Hilfe eines kleinen Wörterbuches kommuniziert. Der Bewohner des ehemals kommunistischen Landes erklärt dem Anarchisten aus Zentraleuropa das Prinzip des Kapitalismus: "Ich kaufe Eisenbahnschienen in Sibirien für einen Rubel und verkaufe sie dann für zwei Rubel in Moskau." Dann lernt Lö Trösenbeck einen neuen Ausdruck: "на здоровье!" Nun wird es gemütlich. Der biertrinkende Russe, zu faul, weiter das Wörterbuch zu benutzen, lässt sich von einem englischsprachigen Freund in einer anderen Ecke Russlands via SMS seine Gedanken übersetzen: "Ich mag kreative Leute wie dich" steht in einer Textbotschaft, welcher der Russe dem feuchtfröhlichen Trösenbeck zeigt. Gerührt holt Trösenbeck den Wodka aus dem Gepäck. Der Rest ist Geschichte...
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